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Donnerstag, 16. Oktober 2008

Frankfurter Buchmesse und Danyo

Die Buchmesse und ich. Das kann ja eigentlich nichts Gescheites geben. Da ich allerdings in Begleitung meiner Heldin durch die Hallen tigerte, hielt sich das Chaos doch in Grenzen.

Nach einer nervtötenden Anfahrt mit zwei dauerblöckenden bzw. -gackernden Läster-Teenie-Mädchen, "gesegnet" mit Mark und Bein durchdringenden Stimmen, sowie einer Kindergarten auf Ausflug, wurden wir schon lange vor der Messe auf eine erste Geduldsprobe gestellt. Gott sei Dank war das Drama ab Ffm Süd beendet und Stille kehrte ansatzweise wieder in die fahrende Sardinenbüchse.

Haltestelle Messe raus, rein in die Messe. Naja, klingt leichter als es war. Die über die Hochschule via Namensliste hinterlegten Tickets gab es nämlich nicht am Eingang, sondern erst in Halle 4. Zwei Erklärungsversuche später wurden wir mit vorläufigen Tageskarten durchgewunken. Wir hatten noch keine zwanzig Schritt getan, da hatten wir schon die erste Tüte mit Give-aways der Öffentlich Rechtlichen in der Hand. Das wird also aus den GEZ-Gebühren. Eine Tüte mit Gummibärchen des hiesigen Regionalfernsehens. Interessant.

Von totaler Orientierungslosigkeit zu Beginn und einer nicht enden wollenden Informationsflut leicht überlastet, schlugen wir uns durch die erste Halle an diesem Tag. "Religion und Spiritualität" war jetzt nicht ganz so der Knaller, aber mit dem Glauben habe ich es im Allgemeinen ja nicht so sonderlich. Die ganzen christlichen Gimmicks zum Abstauben blieben mir dann auch entsprechend verwehrt. Die haben das wohl gespürt.

Nächste Halle. Hier, bei den großen Verlagen, war der Trubel dann schon größer. Mehr Menschen, mehr Stände, mehr Gratiszeugs. Alles aus allen Richtungen und Ecken. Wer mit leeren Händen nach Hause gehen wollte, der musste sie sich schon höchstpersönlich abhacken, um nicht doch irgendwas zugesteckt zu bekommen. Als Studenten sahen wir die Sache nicht so eng. Also immer her mit allem was sinnvoll sein könnte. Vor allem Schreibutensilien, Taschen sowie Postkarten hatten es uns angetan. Ins Auge fielen uns die riesigen gelben Tragetaschen eines Taschenlexikonvertriebes mit einem großen L am Anfang. Genauso praktisch wie die Taschen vom Möbelschweden, nur eben halt diesmal von der Buchmesse. Durchgefragt wo es die Dinger gibt und auf den Weg gemacht. Auf dem Weg dorthin passierte es dann: wir sahen unseren ersten Promi für diesen Tag!

Oh mein Gott! Ein Promi! Kreiiiiiiiiiiiisch! ... Verraten wurde er durch die Menschentraube, die sich gerade um sein bisschen Stand drängelte. Ganz lässig auf die Boden sitzend we sahen dann die Bruce Darnell bei talking about seine neue Biography. Oh god! Great!
Nach fünf Sekunden sind wir dann weitergegangen. Wir hatten schließlich eine Mission. Okay, meine Heldin hatte eine Mission. Auf der Jagd nach der besagten Tragetasche kam der Urinstinkt des Habenwollens bei ihr durch. Am Verlagsstand die Ernüchterung. Geschätzte 130 Leute wollten was wir wollten. Was folgte ließ mich dann an der menschlichen Kultur und Erziehung der meisten zweifeln.

Drei Minuten bis Taschenausgabe: die Menge wird stetig größer.
Zwei Minuten bis Taschenausgabe: circa weitere 30 Prozent Zuwachs.
Eine Minute bis Taschenausgabe: zwei Mitarbeiter mit großen Stapeln auf dem Arm nähern sich der Meute...

Danach gab es kein Halten mehr. Versuchte der Erste der beiden noch mit "und jetzt bilden wir einen Gang, damit wir rein und wieder rauskommen" Ordnung zu schaffen, griffen dutzende Hände bereits nach den Stapeln und rissen die Taschen herunter. Ich weiß nicht mehr genau wie - meine Todesangst hatte mir wohl die Sinne vernebelt -, aber obwohl ich drei Meter von dem armen Tropf entfernt war hatte ich auf einmal eine Tasche in der Hand und meine Heldin stahl sich ebenfalls mit einem Exemplar aus der Menge davon. Ob die Lieferjungs überlebt haben ist mir nicht bekannt...

Die menschliche Psychologie lässt sich wohl doch am besten dann entschlüsseln, wenn man einer größeren Menge ein Gratisgimmick in begrenzter Stückzahl vorwirft. Ich zumindest war für die nächsten Minuten irgendwie verstört.

So viele Gänge, Regale, Hallen, Menschen, einkassierte Give-aways. Dann noch die Suche nach unseren richtigen Tickets sowie den Tagungsinformationen (beides haben wir nach einer kleinen Messeodyssee erhalten), es schlauchte und somit ward es Zeit für uns sich den Mittagshappen zu genehmigen. Das nicht sonderlich überraschende Fazit: die Qualität war nur unwesentlich besser als in der Dieburger Mensa (vielleicht hatten wir nur Pech, aber Kantinenessen ist und bleibt wohl Kantinenessen), der Preis dafür umso gesalzener (hätten wir aber auch wissen können).

Auf dem Weg zum "blauen Sofa" sah ich dann auch noch Charlotte Roche in einem der Gänge herumlungern, während sie sichtlich gelangweilt ein Interview über sich ergehen ließ. Dabei fand ich die gedruckte Form der "Karrierebibel" von Jochen Mai aber weitaus spannender als "Feuchtgebiete". Herrn Mai habe ich allerdings nicht am Stand finden können, was ich recht schade fand.

Wo war ich? Ach ja, "blaues Sofa". Auf selbigem wurde bzw. wird die Autorenprominenz der Messe im Plauderton ins Kreuzverhör genommen, obwohl trotz der hohen und hehren Ziele etwas Neues aus den Gästen rauszukitzeln nur eine abgespeckte Form von "Wetten, dass..." dabei herauskommt. Dreißig Minuten PR- und Fan-Arbeit, nur ohne Wetten für Gesprächspausen.

Als glühender Fan des brasilianischen Erfolgsautors Paulo Coelho (u.a. "Der Alchimist" oder "Veronika beschließt zu sterben") war meine bessere Hälfte schon seit gestern Feuer und Flamme, als sie seine Anwesenheit auf der Talkcouch in Erfahrung bringen konnte. Meinen Tipp zur Büchersignierung zu gehen fand sie klasse, was uns dann zum Übergang der Hallen 5 und 6 führte.
Halb vier sollte das Interview beginnen, doch bis zehn Minuten vor Sendetermin war noch nicht einmal klar, ob der Talkgast kommen würde. Die gestrige Party zur Überschreitung der 100 Millionen verkaufte Exemplare-Grenze sowie in 67 Sprachen übersetzt worden zu sein (beides bringt ihm einen Eintrag ins Guinessbuch der Weltrekorde) war wohl etwas länger als gedacht. Der Bücherverkauf seines aktuellen Werkes wurde pro forma auf Eis gelegt. Schlechte Idee, da die anwesenden Literaturgroupies dadurch nur unruhiger wurden.

An dieser Stelle muss ich noch einmal kurz unterbrechen. "Literaturgroupies" soll jetzt nicht abwertend gemeint sein. Ich finde es toll, wenn Männer wie Frauen sich noch die Zeit nehmen und ein Buch lesen. Also ein richtiges Buch, nicht irgendwelche Klatschblättchen im Wartezimmer des Arztes.
Wenn diese unscheinbare, da ansonsten sehr friedliebende Form der Groupies jedoch in die Nähe ihres Stars kommt, dann ist alles aus. Erwachsene Frauen werden wieder zu Teenies mit Boygroup-Schwäche in den Knien, gestandene Kerle verunsichert ob der geballten und angebeteten erzählerischen Potenz.

Als der Popstar der Szene dann doch endlich auftauchte ging ein erleichtertes Raunen durch den Saal. Ich hätte schwören können die Luft hätte auf Grund der freudigen Hitzewallungen einiger Damen zu flimmern begonnen. Egal, er war endlich da. Zeit zum Plaudern.

Die kompletten dreißig Minuten Interview scharrte die Fan-Meute mit den Hufen, meine Heldin und ich natürlich mitten drin, wobei sie natürlich weitaus engagierter zu Werke ging als ich. In mir stieg allerdings die heute schon einmal erlebte Panik vor einer Masse mit Ziel auf eine begrenzte Ressource (in diesem Fall die Zeit Coelhos für Autogramme) auf. Konnte das gut gehen? Die Organisatoren hatten zumindest ihre Bedenken.
Aus Angst der gute Herr Coelho könnte an dem bisschen Tisch, an dem vor ihm schon zwanzig andere Autoren ohne Weiteres ihre Autogrammstunde geben konnten, von seinen Fans zu Tode vergöttert werden, wurde kurzerhand der Stand eines großen Mainer Fernsehsenders mit kompakter, festinstallierter Theke geentert und als Schutzwall missbraucht.

Und während die Bodyguards und Verlagsmenschen den Weg von der Bühne zum Autogrammset für den erfolgreichsten Autoren unserer Zeit freiräumten, geriet ich irgendwie in diesem geschaffenen Korridor zwischen die Fronten. Vom Manager getrieben, passierte mir das, wofür tausende Literaturfreunde wohl töten würden: Coelho rempelte mich aus Versehen an!

Es war ein magischer Augenblick. Die Zeit schien still zu stehen, als sich unsere Schultern berührten und ... ach, Bullshit. Er wollte nach rechts, ich nach links ausweichen, nur der Platz hat nicht gereicht zwischen der Horde nun wieder schiebender und drückender Signierwütiger.
Der Startschuss zur Autogrammjagd war gegeben. Bücher, Hörbuch-Booklets, Notizblöcke. Alles schoss in einem Augenblick ruckartig um eine Armlänge nach vorne. Es wurde gedrängelt, geschubst. Wären Augenpieksen und der Angelhaken erlaubt gewesen, auch das wäre zum Einsatz gekommen.

Mit dem Fotohandy der Liebsten zum Amateur-Paparazzo degradiert, kamen mir folgende Erkenntnisse:
- Literaturgroupies (den Begriff muss ich mir schützen lassen!) sind die Schlimmsten von allen
- ich möchte kein professioneller Pressefotograf sein
- selbst Securitypersonal kann ob so einer Meute Angst bekommen (ich habe es in seinen Augen gesehen!)

Nach zwölf Minuten Drängeln und Ellbogenausfahren kam meine Heldin im wahrsten Sinne des Wortes abgekämpft freudestrahlend aus dem Getümmel hervor, um zwei signierte Bücher und ein Lächeln des Meisters nur für sie reicher.

Wir hatten was wir wollten und machten uns in der Folge schnell vom Acker. Was mir erst beim Verlassen auffiel: Friedrich Merz, der ohnehin schon kein Sympathieträger ist, war mit dem Interviewtermin nach Coelho die wohl ärmste Sau des Messetages. So brutal von der Masse ignoriert zu werden dürfte selbst ihm noch nicht passiert sein. Ich hatte fast schon Mitleid. Aber nur fast. Wie gesagt, wir waren im Begriff zu gehen, da blieb keine Zeit mehr für Mitleid.

Ja, das war er also. Mein erster Besuch der Frankfurter Buchmesse. Sechseinhalb Stunden lang, über die Maße informativ und mehr als ertragreich, wie diese Bilder belegen.

Nächstes Jahr komme ich wieder. Dann aber hoffentlich ohne die Weltprominenz der Literatur zu attackieren.

Kommentare:

  1. Puh, das Gedrängel klingt ganz schön anstrengend... Ich nehme mir ja auch schon seit Jahren vor, endlich einmal auf die Buchmesse zu gehen. Aber irgendwie klappt's nie ;-)

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  2. Es war auch anstrengend. Man muss auf jeden Fall viel Geduld mitbringen, wenn mitten im Fluss mal jemand stehen bleibt und "Auffahrunfälle" passieren. Dabei waren wir nur unter Fachpublikum unterwegs. Ich will nicht wissen wie hart es gestern und heute bei offener Messe war/ist.

    Und für nächstes Jahr können wir ja ein großes OJ-Buchmessetreffen arrangieren ;)

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