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Mittwoch, 2. Juli 2008

Die Deadline heißt Deadline, weil ...

... ja warum eigentlich? Na ist doch klar: weil es einfach so unglaublich professionell klingt von ihr zu reden. Eine andere Bedeutung kann der Begriff doch gar nicht haben, oder? Stellen wir uns mal folgende Szene am Telefon vor: ein emsig arbeitender Student sitzt an seinem Schreibtisch und tippt auf seinem Laptop rum, als ein Anruf ihn erreicht. Die Einladung auf ein kleines Treffen im Freundeskreis wird angeboten. Doch, welch Wunder. Was sagt der Student denn da?

"Du, ich hab´ heute leider echt keine Zeit für ein Treffen. Ich muss noch zwei Artikel schreiben und in fünf Tagen ist Deadline. Tja, sorry. So ist das Business nun einmal. Ein andermal..."

Das wäre wohl die vorbildliche Version gewesen, die den Dozenten, Chefredakteur oder Auftraggeber allerdings nicht vom Hocker reißt, da sie erwartet wird. In diesen, unseren Gefilden gilt aber eher mal dieses Szenario:

"Heute Abend Party? Cool! Wo denn? Ach, echt? Sehr schön, bin dabei. ... Artikel? Ach, die meinst du. Nee, die müssen morgen zwar fertig sein, aber die paar Stunden überziehen machen´s ja echt nicht aus. Die sollen sich mal nicht so anstellen mit ihren Zeitvorgaben da."

Das Ergebnis finde ich irgendwie verstörender und ich weiß nicht warum... Klar, ich war und bin da in manchen Fällen nicht besser und lasse ab und an auch mal die Zügel schleifen. Aber nur damit wir uns richtig verstehen: aus redaktioneller Sicht (und für jede andere Branche auch) ist die Deadline insbesondere für einen Journalisten so etwas wie der modrige Atem im Nacken, der beim Blick auf den Terminkalender schon drei Wochen vorher kalte Schauer über den Rücken jagen sollte.
Denn wenn die Deadline erreicht ist, geht nichts mehr. Aus. Ende. Finito! Was nicht da ist kommt nicht ins Programm.

Nun kann ich einmal mehr aus dem Nähkästchen plaudern und Dampf ablassen, gerade weil es im Moment so gut tut und aus meiner Sicht einfach mal sein muss.
Also, wir haben dieses neue Szenario: wir haben ein Projektthema, wir haben zwei Kurse die sich explizit darum aufbauen und wir haben Teams, die sich in den drei gebildeten Ressorts nochmals in Arbeitsgruppen von ein bis drei Personen aufschlüsseln. Auch der Workflow ist klar.
Thema ausarbeiten mit allem drum und dran, Fakten gegenprüfen lassen, die Schlussredaktion redigiert und verbessert und dann übernehmen die CMS-Jungs, die alle Ergebnisse von knapp vierzehn Wochen Arbeit ins System einpflegen werden.

Nun komme ich ins Spiel. Als personifizierte Schlussredaktionsverwaltung bittet man im Plenum und per Mail zwei Wochen vor Redaktionsschluss um die fertigen Texte, bekommt aber nichts, weil noch nicht alle fertig sind. Man sollte erwähnen, dass zu diesem Zeitpunkt
eigentlich schon alles fertig sein sollte, doch Terminengpässe beim technischen Support sowie den Interviewpartnern kann man noch verzeihen, kann man verstehen. Von daher gibt es zwei Wochen Schonfrist. Ein paar erste wenige Texte flattern rein.

Noch eine Woche. Man fragt persönlich bei einigen Leuten nach, wann sie denn fertig sein könnten und wann die Texte, Animationen, Bilder und Audios reinkommen dürften und kriegt ein "bald" zu hören.
Netterweise kommen bzw. kamen dann sogar tatsächlich ein paar weitere Texte und Audios zusammen, sogar das ein oder andere fertig geschnürte Paket war dabei. Die Aufgaben sind flugs auf das Schlussred-Team verteilt und fertig. So macht es Spaß, so soll es sein. Fast schon zu einfach und schön um wahr zu sein, möchte man meinen. Die Betonung liegt jedoch auf "fast".
Es folgt ein kleiner Zeitsprung, sagen wir mal, ach, lasst uns nicht knausern, sieben Tage. Ja, klingt gut. Also, wo sind wir? Richtig, wir sind bei der Deadline angelangt!

Gestern war Deadline (mittlerweile sogar Vorgestern). Der 30.06., Ende Juni. Klingt ziemlich endgültig, ist es aber nicht. 01. Juli klingt doch viel cooler für eine Abgabe. Und bingo! Natürlich kommen heute (respektive gestern) mit einem Male knapp 50 Prozent der Beiträge reingeflattert.

Zeitweise habe ich fast schon Angst mein Postfach zu aktualisieren, weil im Minutentakt neue, überarbeitete Dossierteile reinkommen, die die vorherige redigierte Version wieder hinfällig werden lassen. Nicht nur das bereits von Kommilitonen geleistete Arbeit über den Haufen geworfen wird, sie wird auch noch in ein Loch geschubst und verbuddelt.
Wie dem auch sei, mittlerweile sind wir jetzt weit über 24 Stunden über die ehemalige Deadline hinaus und ich will nicht mehr. Das Projekt war interessant, aber unter diesen Abschlussbedingungen vergeht immer wieder die Lust daran.
Wahrscheinlich kommt mir das alles wieder einmal viel schlimmer vor als es ist, schließlich ist es ja "nur" ein Semesterprojekt von vielen in diesem Studium, aber es geht irgendwann auch ums Prinzip.

Wäre man wirklich konsequent, dann gäbe es kein unglaublich abgespecktes oder wie in unserem Fall einfach um zwei Wochen nach hinten verschobenes Webdossier zum Thema mehr, sondern gar kein Dossier.
Wer seine Termine nicht einhält, der hat verschissen. So würde es im richtigen Berufsleben ablaufen. Aber da wir hier nicht im richtigen Berufsleben sind, sondern "nur" in einem Semesterprojekt, drückt man noch ein Auge zu.


Auf der einen Seite ist das sehr entgegenkommend, da die Arbeit von drei Monaten somit nicht vollends für die Tonne ist, aber im Grunde lernen wir nichts aus der Situation. Nur die wenigsten Auftraggeber werden die Nachsicht haben und auf ein Projektpaket warten, damit die Qualität gesichert werden kann - spätestens wenn Geld im Spiel sein wird hört sämtlicher Spaß nämlich auf. In diesem Fall nimmt man allerdings darauf Rücksicht, schließlich liefern wir kostenlosen Content, auf dem am Ende unter anderem unser Name stehen wird.

Aber an diesem Punkt ist das Projekt für mich (so gut wie) beendet. Noch ein allerletztes Mal auf "Senden" drücken, dann ist die finale Mail auf dem Weg zum CMS-Team, welches sich die kommenden zwei Tage mit dem Einpflegen ins System rumplagen darf.

Wer mir jetzt noch quer kommt, der findet sich im Orbit wieder...

Kommentare:

  1. Ob das der Unterschied zwischen Print- und Onlinejournalisten ist? Wer im Printjournalismus einen Tag nach der Deadline abgibt – nun, der ist halt in der bereits gedruckten Zeitung/Zeitschrift nicht dabei. Und bekommt einfach keine Kohle.

    Den Drucktermin verschieben? Auf wessen Kosten? Eine Zeitungsdruckerei ist ausgelastet bis auf die letzte Tagesstunde, eine stehende Maschine kostet pro Stunde mindestens 800 Euro. Ohne Lohnkosten. Zwei Tage? Nicht akzeptabel.

    Wer seine eigene Arbeit nicht pünktlich abgibt, tritt die Menschen "dahinter" mit Füßen. Wenn ein Onlinejournalist seinen Artikel nicht zur Deadline fertig hat, zeigt damit, dass er keinen Respekt vor den Menschen hat, die auf seinen Artikel warten müssen, um ihre Arbeit beginnen zu können.

    Und wer nicht verstanden hat, dass seine Arbeit Teil eines Rades ist, das sich drehen muss, um ein zufriedenstellendes Ergebnis zu produzieren, sollte vielleicht zum Eremiten werden, die Arbeitswelt vor ihm verschonen und auf seiner Partyinsel der Glückseligen versauern.

    Studienprojekte sind der Testlauf. Wer den schon nicht besteht...

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  2. "Echte" Redakteure und Journalisten halten ihre Deadlines ein? Hihi, dann frag mal unsere Schlussredaktion...

    OK, wir sind ein Magazin und Wissenschaftler sind eh ne problematische Klientel, was Abgabetermine angeht, aber das letzter-Drücker-Schlussredaktion-muss-ausbaden-Elend gibt's einfach überall.

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